22C3: "Wir haben den Krieg
verloren"
Vertreter der Hackerszene zogen am gestrigen Dienstagabend
auf dem 22. Chaos Communication Congress (22C3) in
Berlin ein ernüchterndes Resümee ihres Einsatzes für eine
bürgerrechtsfreundliche Technikgestaltung. "Wir leben
jetzt in der dunklen Welt der Scifi-Romane, die wir niemals
wollten", erklärte Frank Rieger, ehemaliger Sprecher des
Chaos Computer Clubs (CCC). "Wir haben einen Polizeistaat".
Es sei nicht mehr zu leugnen, dass ein Großteil der
Privatsphäre und anderer grundrechtlich geschützter Werte in
den letzten Jahren verloren gegangen seien. Unter
der Flagge der "Terrorismus-Bekämpfung" würden momentan
großflächige Überwachungsinfrastrukturen aufgesetzt,
etwa mithilfe des Anbringens von Videokameras an
Verkehrsknotenpunkten und öffentlichen Plätzen oder mit der
ungebändigten Jagd der Sicherheitsbehörden nach persönlichen
Daten für die Erstellung von Profilen und zum
Schürfen in den anfallenden Informationsbergen. Diese Trends
zeigen laut Rieger die Richtung, "in die wir gehen:
in ein neues dunkles Zeitalter".
Die Politiker selbst sehen laut dem Hacker eine mit der
Globalisierung geschaffene gigantische Krise auf sich
zukommen, die vom Klimawandel getrieben und einen gewaltigen
Immigrationsdruck in westliche Länder auslösen
werde. Um sich dafür zu wappnen, würden sie mithilfe von
"Terror on Demand" und der damit erzeugten Verun-
sicherung der Bevölkerung Kontrolltechnologien im großen
Maßstab ausrollen, begab sich Rieger in der Veran-
staltung, die mit dem Titel "Wir haben den Krieg verloren"
überschrieben war, auf den Pfad von Verschwörungs-
theoretikern. Die entsprechenden Richtlinien entstünden
nicht mehr in einem normalen demokratischen Prozess,
sondern würden in Brüsseler Hinterzimmern mit Vertretern von
Konzernen und Sicherheitsbehörden ausgehandelt.
Die Folge ist für Rieger nicht nur das Aus für die
Demokratie, sondern auch das Ende der Gerechtigkeit und des
traditionellen Justizwesens: "Dem Staat wird es möglich
sein, unbeliebte Menschen selektiv zu verfolgen",
prognostizierte der Aktivist. "Algorithmen werden darüber
entscheiden, gegen wen strafrechtlich vorgegangen
wird".
Eine entsprechende Tendenz für die Verlagerung
grundsätzlicher Entscheidungen auf das Data Mining der
Sicherheitsbehörden konstatiert Rob Gonggrijp, Gründer des
Amsterdamer Providers XS4ALL und Herausgeber des
Magazins Hack-Tic, bereits in ihren Anfängen in den
Niederlanden. Viele geängstigte Bürger würden dort für die
Aufstellung von Überwachungskameras an ihre Straßen in
Abständen von hundert Metern plädieren, während der
Staat die Apparate zur Videoaufzeichnung gleichzeitig an
sämtlichen Verkehrsadern installiere. Durch die Aus-
wertung all der anfallenden Daten wolle die Polizei eine
aktive "Präventionspolitik" fahren, durch die bereits
potenzielle Verbrecher "frustriert" werden sollen. Ziel des
Systems sei es, die menschliche Interpretation der
Daten soweit wie möglich zurückzuschrauben.
Frustration sei angesichts dieser Lage aber nicht das Gebot
der Stunde, postulierten die Aktivisten. Ihre Antwort
auf das skizzierte Grundrechtsfiasko liegt zum einen
traditionell in der Suche nach technischen Abhilfen zum
Schutz
persönlicher Daten. "Wir müssen Krypto bauen, und zwar
schnell", forderte Gonggrijp unter dem Applaus der ver-
sammelten Hackergemeinde. Zudem seien die Möglichkeiten zur
anonymen Nutzung des Internet auszubauen,
ergänzte Rieger. "Wir müssen davon ausgehen, dass jede
verschickte Datei heute ein ganzes Jahrhundert lang
vorgehalten wird", unterstrich er die Dringlichkeit des
Einsatzes datenschutzfördernder Techniken.
Auch bei der Öffentlichkeitsarbeit sehen die Hacker
deutlichen Optimierungsbedarf. "Wir dürfen sie nicht bei dem
Gefühl belassen, dass sie die Guten sind", betonte Rieger in
Bezug auf die Lauscher. "Sie spionieren uns aus" und
das müsse auch entsprechend als "Datenverbrechen"
gebrandmarkt werden. "Es ist ein krankes Hobby, sich die
Telefongespräche anderer Leute reinzuziehen", empörte sich
der ehemalige Pressearbeiter. Die Ermittler müssten
sich daher "wie Abschaum" fühlen. Angesichts der Empörung
über die CIA-Verhörmethoden unter dem Einsatz von
Folter sowie über die Ausschnüffelung auch der US-Bürger
durch den gewaltigen Echelon-Lauschapparat der
National Security Agency (NSA) sehen die Aktivisten die Zeit
reif für einen Umschwung der öffentlichen Meinung.
"Dafür müssen wir einen Plan B in der Tasche haben", sagte
Rieger unter Verweis auf die Tatsache, dass die
Terroranschläge vom 11. September die Bürgerrechtler im
Gegensatz zu den Sicherheitsbehörden völlig unvor-
bereitet getroffen hätten.
Für erforderlich hält Rieger ferner eine verstärkte
Kollaboration mit ehemaligen Hackern, die "zur dunklen Seite
der
Macht" übergelaufen seien und bei Geheimdiensten beschäftigt
seien. Gespräche mit ihnen könnten hilfreich sein,
um mehr über die Überwachungsinfrastrukturen herauszufinden.
Generell gab Gonggrijp die Parole aus, sich nicht in
belanglosen Kämpfen zu verzetteln, sondern bestenfalls "mit
Humor" und Spaß am Aktivismus gezielte Schlachten
gegen besonders verheerende Projekte zu schlagen. Die Kräfte
der Zivilgesellschaft müssten sich auf Auseinander-
setzungen konzentrieren, die auch zu gewinnen seien.
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